|
Als man mich fragte, ob ich auch mal schießen will, konnte ich natürlich nicht nein sagen. Außer einem Luftgewehr auf Dorffestspielen war es das erste Mal, dass ich richtig geschossen habe, und ich traf sogar ein paar Mal eine alte Dose, die wir extra dazu aufgestellt hatten. Ich nahm sie als Erinnerung mit nach Hause.
Nach dem Mittagessen wollten wir eigentlich gleich weiter schießen, aber Maren kam grade mit zwei neuen Gästen aus der Stadt zurück, und die wollten wir nicht gleich durch Schüsse verschrecken.
Die neuen Gäste sind beides Deutsche, die aber nicht zusammen angereist waren. Claudia war schon letztes Jahr ein paar Tage auf der Ranch gewesen, und da ihr Mann ein paar Tage beruflich in Phoenix verbringen musste, verbrachte sie die Zeit, wie letztes Jahr, auf der Ranch. Martin ist 64, ein Unternehmer aus Köln, der den Südwesten der USA auf eigene Faust unsicher machte, und der vom Reiten anfangs wenig Ahnung hatte.
Nachdem sie sich im Bunkhouse in ihren beiden Zimmern eingerichtet hatten, gingen wir alle runter zum Korral, um ihre Sättel und Chaps anzupassen. Da die Pferde um diese Uhrzeit aber alle nicht am Stall waren, sondern irgendwo in den Bergen oder am Fluss, sattelte Chris Bob, den Hengst, und machte sich auf die Suche nach Pferden, die man zum Sattelanpassen nehmen konnte.
Claudia ritt zuhause auch Western, also dauerte es nicht lange, und ihre Chaps und Steigbügel waren angepasst. Martin aber trug gerade am Anfang zur allgemeinen Erheiterung bei, er wollte wissen, wie man aufsteigt, wie man beim Pferd die Gänge bediente, und wie man es zum Anhalten brachte. Dies alles bekam er heute aber nur theoretisch gesagt, das Pferd bewegte sich noch keinen Schritt dabei.
Später am Nachmittag liefen wir dann mit Claudia und Martin auf den Hang gegenüber des Korrals, wo ein kleiner Schießstand aufgebaut war, und schossen alle noch mal.
Montag, 25. Februar
Nach dem Frühstück, dass vor allem Martin sich gut hat schmecken lassen, brachen wir Gäste mit Grandpa Roy und Maren zum Orientierungsritt auf. Ich kannte ja nun schon die Strecke, und die Geschichten, die sich aber jedes Mal ein bisschen zu ändern schienen, wenn sie jemand anderes erzählte. Es war trotzdem sehr lustig, vor allem, weil Greenhorn Martin auf dem Pferd eine lustige Figur machte.
Er ritt Tadpole, eine ruhige kleine Stute, die er schon nach der Grundeinführung in die Reitkunst sicher lenken konnte. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, viel zu jammern, und von "Ach, was tu ich mir hier an!" über "Man man man, das ICH so was mal mache, das glaubt mir zuhause keiner!" bis hin zu "Das arme Pferd, muss meine 100 kg tragen! Das bricht gleich zusammen." war alles dabei.
Martin klopfte überhaupt gerne ein paar Sprüche, und besonders ich kriegte öfters mal verbal eines von ihm übergezogen. Sprüche wie "Du bist 21? Siehst aber nicht so aus! Eher wie 18." "Was machst du eigentlich hier?" und "Du bist so dünn, wenn du duschst musst du von einem Wasserstrahl zum nächsten springen damit du nass wirst!" und "Was für ein Wind. Halt dich am Pferd fest, sonst fliegst du noch weg." waren eher noch unter den harmlosen.
Auf dem Weg zurück Richtung Ranch erfüllte ich mir dann noch einen seltsamen Traum: Ich wollte ein Foto von mir, wie ich einen Kaktus umarme. Es dauerte eine Weile, bis ich den perfekten Kaktus gefunden hatte, und als ich dann meine Arme um den stacheligen Riesen schlang, schüttelte Roy nur mitleidig den Kopf und dachte wohl "Diese deutschen Städter, wollen einen Kaktus umarmen!".
Er führte uns noch zu einem Aussichtspunkt, von dem man die Ranch und den Hassayampa River besonders gut sehen konnte.
Zurück im Korral ordnete Martin seine Knochen und war ehrlich erstaunt, es überlebt zu haben. Er hatte eine lustige Angewohnheit, die die Amerikaner auf der Ranch zum verzweifeln brachte. Statt Englisch zu sprechen, sprach er einfach Deutsch. Da konnte es schon mal passieren, dass er beim Frühstück deutlich auf Deutsch sagt "Chris, gib mir doch mal bitte die Butter!", woraufhin Chris nur seinen Namen versteht und ihn verständnislos ansieht. Zu Marens und meiner Erheiterung zog er diese Angewohnheit konsequent durch. Er schien die Rancher zu verstehen, antwortete aber meist auf Deutsch. Manchmal beließen wir es dabei, manchmal taten uns Carol, Roy und Chris leid, und Maren und ich übersetzten dann.
Dienstag, 26. Februar 2008
Heute ging es wieder hoch zum zweithöchsten Punkt des Ranchgeländes. Ich ritt Cocopuff, Deane's Pferd, und obwohl ich die Strecke ja bereits geritten war, machte es trotzdem wieder Spaß. Diesmal ritt auch Grandpa Roy wieder mit, genauso wie Maren, Martin und Claudia. Chris hatte keine Lust.
Martin wurde diesmal Blueberry zugeteilt, und Roy ritt Twister. Nach fünf Minuten jedoch fing Blueberry bereits an, zu zicken, wollte den Trail nicht hinaufgehen und schien von Martins Hilfengebung recht unbeeindruckt. Daraufhin tauschten Roy und Martin die Pferde und Sättel, und Martin und Twister trotteten brav hinter Blueberry mit Grandpa hinterher.
Auf halber Strecke hielten wir wieder an, um eine Fotopause zu machen, und kaum waren wir hoch genug, dass wir Handyempfang kriegen konnten, wurde Claudia von ihrem Mann angerufen. Ich ärgerte mich, dass ich nicht selbst dran gedachte hatte, mein Handy mitzubringen, denn ich hatte mich seit über einer Woche nicht mehr bei meinen Eltern gemeldet.
Diesmal war es wärmer und angenehmer, auch auf der Bergspitze. Unterwegs sahen wir in der Ferne ein paar Leute, die an den Trampelpfaden arbeiteten, und Roy ritt zu ihnen rüber, und hielt ein Schwätzchen.
Solche Gelegenheiten wurden immer zum Fotos machen genutzt, was mit Marens und Claudias kleinen Digitalkameras kein Problem war, nur Martin tanzte mal wieder aus der Reihe. Seine Kamera war eine mit "echtem Film", Spiegelreflex mit etwa 20 cm Objektiv zum ausfahren und wog geschätzte 12 Kilo. Das hieß: Einhändig nicht zu bedienen, also jedes Mal anhalten.
Nach dem heutigen Ritt hatte Martin erstmal genug und bemühte sich, anderweitige Beschäftigung auf der Ranch zu finden. Er half Chris beim entladen des Heuanhängers. "Reitgeil" nannte er Claudia und mich, die am liebsten fünf mal täglich geritten wären.
Da Claudia nur ein paar Tage auf der Ranch war, fragte Maren am Nachmittag im Ranchhaus nach, ob wir noch mal ausreiten könnten. Also zogen wir drei Mädels noch mal alleine los.
Mittwoch, 27. Februar 2008
Fast kam es mir wie ein kleines Deja-vu vor, als Roy beim Frühstück vorschlug, Chris sollte mit uns zu Robert's Camp reiten. Ich ritt "Do Good", die eigentlich schon zu den schnelleren Pferden gehört, aber gegen Chris' Moritz keine Chance hatte. Claudia, Martin und ich hatten also unsere liebe Mühe, mitzuhalten.
Bei Robert's Camp machten wir fast eine Stunde Pause, und Martin ließ sich mit Chris' Pistole fotografieren.
Diesmal nahmen wir einen anderen Weg zurück, der am Fluss entlang führte. Noch mal trafen wir ein Auto mit Jägern, mit denen Chris ein kurzes Schwätzchen hielt, und am Fluss angekommen sahen wir frische Pumaspuren im Sand.
Die Landschaft wurde immer rauer, das Gestrüpp dorniger, und die Äste, an denen wir vorbei schrammten, dicker. Ein paar Mal weigerte ich mich anfänglich, Chris hinterher zu reiten, wenn es mal wieder so aussah, als ob man zwischen zwei Büschen gar nicht durchkam. Mit "Augen zu und durch" und ein paar blutigen Kratzern schafften wir es aber doch.
Martin war erstaunlich tapfer heute, bis wir an eine Stelle kamen, bei der es einen guten Meter fast senkrecht bergab ging. Chris ritt voran, und sein Pferd rutschte vorsichtig den Hang runter. Claudias Pferd hingegen entschied sich, hinunter zuspringen. Danach kam ich, und obwohl mein Pferd einigermaßen sicher herunterrutschte, bekam Martin das Grauen davor, dass sein Pferd Tadpole springen würde. Er kletterte lieber zu Fuß den Hang runter, und ich führte das Pferd an der Hand herunter. Und siehe da: Sie sprang. Glück gehabt.
Wir hatten bereits über eine Stunde Verspätung, eigentlich hätten wir um halb 1 zurück an der Ranch seien sollen, da heute einige "4-wheeler" zum Mittagessen kamen, und gegrillt wurde. Leider hatte Chris genau heute kein Walkie-Talkie dabei, und so waren wir leicht reumütig, als wir zur Ranch zurückkamen.
|
|
Sobald wir nah bei der Ranch waren, galoppierte Chris los, um Roy oben am Grill Bescheid zu sagen, dass uns nichts passiert war, und wir nur die Zeit vertrödelt hatten. Wir anderen ritten langsam im Schritt zum Korral. Dazu kam, dass Roy Chris eine Armbanduhr mitgegeben hatte, die mysteriöserweise unterwegs ihr Deckglas und die Zeiger verloren hatte. Zum Glück stellte sich raus, dass es eine billige Uhr war.
Nachdem die Pferde versorgt waren, gingen wir hoch zum Grill. Es war das erste Mal, das wir grillten, es war ja auch nicht unbedingt Grillsaison (falls es so was hier überhaupt gibt!). Die meisten Lunch- Gäste waren schon fertig mit dem Essen und auf dem Weg nach Hause. Die Burger waren dann sehr lecker.
Am Nachmittag schrieben Claudia, Martin und ich dann eine lange Nachricht ins Ranch-Gästebuch, wir dachten uns lustige Anekdoten aus und bauten sogar ein kleines Deutsch-Wörterbuch mit ein. Beim Abendessen gab's dann noch ein Abschiedsfoto für Claudia.
Abends sahen wir dann noch alle zusammen einen Cowboyfilm im Bunkhouse an.
Donnerstag, 28. Februar 2008
Heute war schon Claudias Abreisetag. Gegen Mittag sollte sie los, also sind wir vorher noch mal ausgeritten. Heute ging's wieder zum Goat Pen, da die Strecke, die wir eigentlich nehmen wollten, zu lang gewesen wäre. Wir mussten auf jeden Fall um 12 Uhr zurück auf der Ranch sein, damit wir noch Mittagessen konnten, bevor Claudia los musste.
Maren ritt heute nicht mit, also ritten wir zu viert. Am Goat Pen erzählte Chris auch wieder die Geschichte mit den Ziegen. Als ich meinem Pferd, Blueberry, meinen Cowboyhut aufziehe und Fotos mache, stöhnt Chris: "Oh Mann, das machen ALLE Gäste! Warum nur?"
Er erklärt mir, dass man an meinem Hut sofort einen echten "City Slicker" erkennen würde, und dass kein echter Cowboy einen solchen Hut tragen würde. Ich spiele beleidigt. Chris wendet sich dann zu Martin und lobt ihn für seinen Hut, denn er sei der beste Hut, den er bisher von einem Gast gesehen habe. Merken fürs nächste Mal: Strohhut = Oh no! Filzhut = Yes please.
Nach dem Mittagessen muss Claudia dann wirklich los. Am Nachmittag trainiert Chris mit dem Fohlen seiner Stute, General Lee, im Roundpen. Er ist erst zwei und soll sich ans Lasso gewöhnen, und keine Angst vor Reitern haben.
|